Die Kirche und ihre Geschichte

In Mecklenburg, am Nordzipfel des langgestreckten Schweriner Sees, befindet sich das alte Dorf Hohen Viecheln. In seiner Mitte erhebt sich, leuchtend rot, auf einer Anhöhe über dem See die imposante Kirche des Ortes, ein hochgotischer Hallenbau von überraschender Größe. Vergleicht man sie mit den ohnehin großen Dorfkirchen Mecklenburgs, zeigt sich hier ein Bau von geradezu städtischen Dimensionen.

Um 1310 wurde sie als Hallenkirche an dieser Stelle errichtet und ihre Größe lässt vermuten, dass Hohen Viecheln einmal als Stadtgründung gedacht war, zumal diese Lage schon seit der Steinzeit ein bevorzugter Handelsort war. Allerdings muss die Geschichte den Erbauern ein Schnippchen geschlagen haben, denn Viecheln hat es nur bis zu einem normalen mecklenburgischen Dorf geschafft und die Kirche hat aus finanziellen Gründen nie einen Turm bekommen. So steht nun dieser gewaltige rechteckige Bau inmitten des Dorfes und jeder Besucher staunt über diesen außergewöhnlichen Platz.

Von der Slawenzeit bis zu Heinrich dem Löwen

In der spätslawischen Zeit des 11./ 12. Jahrhunderts entsteht auf der schmalen Landbrücke zwischen Schweriner See und Döpe in gut geschützter Lage die Burg Dobin (von der Kirche aus gesehen am gegenüberliegenden Ufer des Sees), neben der nahegelegenen namensgebenden Mecklenburg, den Festen Schwerin, Ilow und Werle eine der fünf Hauptburgen des Obotritenstammes. Zahlreiche archäologische Fundplätze dieser Periode sprechen von einer zunehmenden Besiedlung des näheren und weiteren Ufergeländes nördlich der Burg, gerade auch in Ortslage des alten Dorfkerns um Kirche und Krug (inzwischen abgerissen).

Die Burg Dobin findet Erwähnung in bedeutenden zeitgenössischen Quellen dieser Landschaft, so bei Holmoid von Bosau (Chronoca Slavorum, um 1160/ 70) anlässlich seiner Berichte zu den Slavenkreuzzügen und bei Saxo Grammaticus (Gesta Danorum, um 1200) als „Seeräuberfeste“. Im Jahr 1147 scheitert der erste Kreuzzug unter dem sächsischen Herzog Heinrich dem Löwen (zusammen mit einem dänischen Heer) an dieser und der pommerschen Demminer Burg. Noch im Folgewinter verstärkte die Besatzung die Burganlage mit Palisaden und Holz-Erde-Wällen, wie jüngste Ausgrabungen ermitteln konnten. Als Heinrich der Löwe jedoch 1160 zu einem neuerlichen Kreuzzug in das obotritische Gebiet zieht, vernichtet Fürst Niklot vier seiner Burgen und zieht sich auf seine weiter östlich gelegene Burg Werle (bei Schwaan) zurück, wo er getötet wird und das Land fortan seine wechselvolle Geschichte als Bestandteil des Deutschen Reiches durchlebt.

Bereits 18 Jahre später, im Jahre 1178, tritt die Ansiedlung Viecheln (der Zusatz „Hohen“ erfolgte erst vor ca. 250 Jahren) erstmals in Erscheinung und gehört damit zu den ältesten Kirchgemeinden Mecklenburgs. Der Priester Symon de Vichele erscheint in einem Rechtsakt des Bischofs Berno anlässlich der Zehntverteilung für das Kloster Dargun durch Schwerin als Zeuge. Von einem Kirchenbau aus dieser zeit ist jedoch nichts mehr zu finden; ob es während der über 100 Jahre bis zur Errichtung der heutigen Kirche bereits einen steinernen Bau gegeben haben könnte, ist fraglich und könnte nur durch Ausgrabungen geklärt werden.

Im beginnenden 14. Jahrhundert halten sich häufiger Heinrich (der Löwe) von Mecklenburg und andere weltliche sowie kirchliche Würdenträger in Viecheln auf, Rechtstreitigkeiten werden geschlichtet, Verträge geschlossen. Die besondere Bedeutung in dieser Zeit verdankt das Dorf seiner exponierten Lage am Nordende des Schweriner Sees, zwischen verschiedenen Territorien vom Mecklenburger Fürsten, Schweriner Grafen und Schweriner Bischof gelegen. Fürst Heinrich, der sich am liebsten in seiner Residenz Sternberg aufhielt und in dessen Zeit auch die Errichtung der dortigen – vergleichbaren- Hallenkirche fällt, könnte mit großer Wahrscheinlichkeit der Initiator zum heutigen überdimensionierten Kirchenbau gewesen sein. Ein hochmoderner wiewohl schlichter Hallenraum, dazu ein nie ausgeführter mächtiger Turm sollten am Ufer des Sees ein Zeichen setzen. Wahrscheinlich haben wir es mit dem gescheiterten Versuch zu tun, dem Ort städtische Bedeutung zu verleihen.

Beschreibung des Kirchgebäudes

Über einem rechteckigen Grundriss von etwa 33 Metern Länge und 12 Metern Breite erhebt sich der große dreischiffige und fünfjochige Backsteinbau. Seine Längswände werden von unterschiedlich gestuften Strebenpfeilern gegliedert, alle Wandflächen werden von großen, dreibahnigen Spitzbogenfenstern durchbrochen, von denen jedoch einige aus statischen Gründen vermauert sind.

Während das westliche Stufenportal erneuert ist und genauso wie das kleine Lanzettfenster daneben erst aus dem 19. Jahrhundert stammt, befinden sich die ursprünglichen Portale in Wandvorlagen auf der Nord- und Südseite. Von den ehemals 3 Öffnungen ist heute nur noch die nordöstliche zu passieren.

Abgeschlossen wird der äußere Wandaufriss durch einen umlaufenden Dreipassfries („Kleeblattfries“). Das nur mäßig steile Dach mit einer Biberschwanzdeckung ist auf der Ostseite voll abgewalmt.

Die Sicht im Innern
Kirche Hohen Viecheln Innenraum

Betritt man den Innenraum, überrascht dessen majestätische Erscheinung.

Vier schlanke und runde, in Wechselschichten aus dunkelgrün glasierten und unglasierten Backstein aufgemauerte Pfeilerpaare tragen die hochgebauten Kreuzrippengewölbe. Kapitelle werden lediglich durch aufgemalte Ornamente angedeutet.

Die dadurch entstehenden drei schmalen Schiffe wirken sehr steil, das Mittelschiff ist ungewöhnlicherweise sogar etwas schmaler als die Seitenschiffe und betont dadurch das Aufstrebende dieses Raumes, seine Höhenwirkung.

Leichtigkeit strahlen auch die Wände aus, die über einer geschlossenen Wandzone im unteren Bereich in großen Nischen zurückspringen und durch die großen Fenster den Raum belichten.

Schmale Wanddienste rhythmisieren die Längsrichtung.

Der Aufbau in den vergangenen Jahrhunderten

Um 1310 wird der heutige Kirchenbau in zwei Abschnitten errichtet. Zuerst entstehen die drei östlichen Joche, von denen die ersten beiden eingewölbt werden, nur wenige Jahre später ist der heutige Bau fertig. Im Westen war ein schmaler Turm geplant, dessen Verzahnung bis vor wenigen Jahren sichtbar gewesen ist. Zu seiner Errichtung ist es niemals gekommen, offenbar fehlten die nötigen Mittel, die Zeitläufe sind über Viecheln hinweggegangen. Die Sage jedoch erzählt von einem Geldschatz, der in einem der Pfeiler vermauert sei ...

Das Dach war ursprünglich viel steiler und höher, im Osten leuchtete ein blendengeschmückter Giebel in die Ferne. Nach der Verwahrlosung im Dreißigjährigen Krieg und den Folgejahren, der auch etliche, offenbar bemalte Glasfenster, zum Opfer gefallen waren, wurde der Giebel kurz nach 1700 abgerissen und das Dachwerk erneuert, nicht ohne viele der alten Eichenbalken wieder zu verwenden.

Eine durchgreifende Veränderung erfuhr die Kirche in den Jahren zwischen 1858 und 1862, als unter großherzoglichen Patronat der ganze Bau instandgesetzt wurde. Im Zuge dieser Arbeiten wurden die Fenster neogotisch wiederhergestellt (die ursprüngliche Form lässt sich noch am zugemauerten Südwestfenster ablesen), außerdem die Orgelempore errichtet, das Westportal erneuert und daneben ein kleines Fenster eingefügt.

Für diese Kirche in Mecklenburg einmalig

Auffallend für diese Landkirche sind die zahlreichen Ausstattungsstücke von besonderer Qualität.

Beginnen wir in der Vorhalle mit einer spätgotischen Kreuzigungsgruppe aus der Zeit um 1500, die sich ursprünglich einmal hoch zwischen dem vorletzten Pfeilerpaar befand (nach Osten).

An der Nordwand des Kirchenschiffs eine kleine Eichenholz-Skulptur eines Diakons (Laurentius?) aus dem 15. Jahrhundert. Bemerkenswert ist ganz besonders die lebensgroße Skulptur eines Ritters im Kettenhemd aus Eichenholz. Ursprünglich auf einem Grabmal liegend, wird sie in die Zeit um 1300 datiert. Es wurde angenommen, dass es sich um Helmold von Plessen handelt. Seine Familie war im Mittelalter für Mecklenburg bedeutendet, da sie im frühen 14. Jahrhundert das Patronat der Kirche übernommen hatte. Nach den neusten Forschungsergebnissen ("Maueranker und Stier"- Plesse/ Plessen- Tausend Jahre eines norddeutschen Adelsgeschlechts, hrsg. Christian von Plessen  Band 1) handelt es sich bei dieser Skulptur um Bernhard von Plessen, einen Sohn des damaligen Burgmanns Helmold von Plessen aus Wismar. Die heutige holzsichtige Ansicht stammt aus der Zeit um 1900, die ursprüngliche Farbfassung dürfte spätestens zu diesem Zeitpunkt verloren gegangen sein.

Daneben eine Madonna aus der Zeit um 1310/20 mit Resten der ursprünglichen Farbfassung. Ihr Schöpfer dürfte aus dem Lübeck-Wismarer Umkreis stammen.

Links und rechts der Kanzel zwei Figuren aus dem beginnenden 16. Jahrhundert: links die Heilige Katharina, rechts die Mondsichelmadonna, diese entstellend übermalt.

Neben dem bemerkenswerten gusseisernen Kanonenofen des frühen 20. Jahrhunderts die archaisch wirkende Tauffünte aus Granit (jedoch erst spätes 13. Jahrhundert) mit ihren Rundbögen und den vier Köpfen im Kelch.

Eine zweite ähnliche Taufe ist Ende des 18. Jahrhunderts im nahegelegenen Döpe-See gefunden worden und befindet sich heute im Schlosspark Wiligrad (etwa 10 km südlich am Westufer des Schweriner Sees gelegen).

Der Renaissance- Altar an der Südwand der Kirche zeigt das klassische protestantische Programm: Abendmahl, Kreuzigung und Auferstehung. Er stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert und ist leider im Laufe der Jahrhunderte ziemlich lädiert worden. Sein ganzes Rahmenwerk ging verloren, die Justitia zur Rechten bedarf dringender Sicherung und Restauration. Die grobe Farbfassung in Ölfarbe ist neueren Datums, wohl 19. Jahrhundert, allerdings ist die ursprüngliche Farbfassung unter der neueren noch völlig erhalten.

Das Gestühl und die ganze neugotische Holzausstattung ist sehr qualitätsvoll in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der großen Renovierung geschaffen worden. Das Altargemälde stammt von Theodor Fischer.

Ein musikalisch bedeutendes Instrument einer jeden Kirche
Die Winzer-Orgel

Die Winzer-Orgel in unserer Kirche wurde von der in Wismar ansässigen Firma Winzer in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut. In einem für diese Zeit typischen neogotischen Orgelgehäuse finden auf zwei Manualen und Pedal insgesamt 14 klingende Register und eine Pedaltransmission Platz.

Die Orgel wurde, nachdem sie 1984 ein elektrisches Gebläse erhalten hatte, in den Jahren 1995 und 1997 grundlegend restauriert. Allerdings nagte der Zahn der Zeit auch weiterhin an der Orgel und weitere Restaurationsarbeiten waren in der folgenden Zeit nötig. So schafft wir es mit Hilfe aus Mitteln der EU, des Kirchenkreises und der Kirchengemeinde diese nötigen Arbeiten 2016 zu vergeben und durchführen zu lassen. Die Orgelbaufirma Reinalt Klein aus Lübeck hatte den Zuschlag bekommen und hat unter anderem auch die Holzpfeifen des Salicioals und der Flauto traverso an ihre ursprünglichen Stellen wieder eingebaut bzw. durch Nachbauten ersetzt.

So erklinkt unsere Orgel nun wieder in ihrer ursprünglichen romantischen Stimmung.

Ein Klang - traditionell, rufend, (weit-) klingend

In dem freistehenden Glockenstuhl, der zum Schutz mit Brettern umnagelt ist, befinden sich drei Glocken.

Die kleine und die große Glocke sind von der Firma Schilling (1968) aus Apolda gegossen worden. Ihre Vorgänger sind Opfer der beiden Weltkriege geworden. Die Mittlere Glocke stammt aus dem Jahre 1723. Sie ist zum Glück erhalten geblieben, da sie mit vielen anderen Glocken während der Bombennächte von Hamburg, in die Elbe gestürzt war und dort das Inferno überlebte.

Im Westgiebel der Kirche hängt noch eine ganz kleine Glocke aus dem Jahre 1561. Sie diente früher als Stunden – und Gebetsglocke. Zur Zeit wird sie nicht mehr genutzt.

Unsere frühgotische Tauffünte

Der alte Taufstein in unserer Kirche weist einige Besonderheiten auf und ist mit ziemlicher Sicherheit aus der Zeit vor der Erbauung der Kirche. Es ist zu vermuten, dass dieTauffünte ursprünlich ihren Platz in der Obotrietenburg "Micklenburg" hatte. Die Kuppa und der Fuß sind in der üblichen wendischen Stein- auf- Stein- Klopftechnik hergestellt worden. Die Profilköpfe weisen eine große Ähnlichkeit mit den Figuren an den Kppen der Taufsteine in Burg Stargard und Groß Giebitz auf.

Die Arche in Bad Kleinen

Seit November 1999 steht in Bad Kleinen das kleine und zweckmäßige Gemeindehaus Arche für die Gemeindearbeit und für Gottesdienste zur Verfügung. Möglich wurde dieser Neubau durch eine Erbschaft, mit der unsere Kirchengemeinde in der Wendezeit gesegnet wurde.

Der Ort Bad Kleinen

Seit 1850 wächst der winzige Ort Kleinen am Schweriner See, da die Entstehung mehrerer Bahnlinien Kleinen zu einem Verkehrsknotenpunkt für Post und Bahn machten. So wuchs dieser Ort stetig, bekam Anfang des 20. Jahrhunderts sogar den Beinamen „Bad“ (dieser Teil der Geschichte von Bad Kleinen hielt aber nur wenige Jahre), und zählt heute über 3000 Einwohner. Trotz der zunehmenden Größe gab es bis 1999 keine Kirche in diesem Ort und auch nur gelegentlich einen angemieteten Raum für die kirchliche Arbeit.

Die Entstehung der Arche

1998 entstand die Idee, zusammen mit dem Architekturbüro Rossmann aus Schwerin ein kleines Gemeindezentrum zu planen. Grund und Boden im Ort waren vorhanden, die Gemeinde war angetan von diesem Vorhaben und hatte durch Rückführungsansprüche und eine Erbschaft dafür Geld zur Verfügung.
Nach relativ kurzer Bauzeit wurde dann das neue Zentrum pünktlich zu Beginn der Friedensdekade 1999 eingeweiht. Die Räume der „Arche“ (ein runder Mehrzweckbau für ca. 100 Personen, ein Flurbereich, Büro- und Tagungsraum, Gemeindeküche und Toiletten) werden seither von den verschiedensten Gruppen und zu allen möglichen Veranstaltungen genutzt.